SZENEN
WECHSEL
Interview mit Gideon Maoz
Wenn die Würde auf einer Bananenschale ausrutscht
Im Vorfeld seines Comedy Workshops „Lustig sein in vier Schritten“ haben wir ein Interview mit dem Schauspieler und Trainer Gideon Maoz geführt.
Dabei geht es im Dialog mit Ingrid Sturm um seinen Zugang zur Komödie und darum, wie komisches Spiel entsteht.
Ein Gespräch über Haltung, Praxis und persönliche Erfahrung.
Die Bananenschale und der Verlust der Würde
Ingrid Sturm: Du hast neulich gesagt, dass die gesamte Geschichte der Komödie in einer einzigen Bananenschale steckt. Willst du das ernsthaft so stehen lassen?
Gideon Maoz: Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas je gesagt zu haben, aber ich stimme der Aussage absolut zu. Die Bananenschale ist das Urknallmodell der Komödie. In dem Moment, in dem ein seriöser Mensch ausrutscht, im Fallen vielleicht noch panisch furzt und danach so tut, als wäre nichts passiert. Das ist die Essenz: Würdeverlust in Echtzeit mit erbarmungslosen Zeugen. Ein Mensch, der sich sicher fühlt, und dann – Flatsch – die Gravitation übernimmt die Regie. Das ist Komik in Reinform: Der Mensch sagt Würde, der Zufall sagt Nein.
Ingrid Sturm: Furzen gehört für dich also zur Komik?
Gideon Maoz: Nicht als Gag. Als Wahrheit. Die Wahrheit, dass Würde eine Fiktion ist. Komödie ist der Augenblick, in dem diese Fiktion kollabiert. Die behauptete Würde, der Sturz, der Furz, der verzweifelte Versuch, so zu tun, als sei nichts passiert – das ist die Dreifaltigkeit des Komischen. Das Lächerliche ist nicht der Sturz selbst, sondern der irrationale Wille, die Würde nachträglich zu rekonstruieren, obwohl sie schon längst in den Gatsch gefallen ist. Wenn man fällt, presst der Körper Luft dorthin, wo man sie nicht haben will. Dieses kleine Geräusch ist der Beweis, dass unser Anspruch auf Würde sehr fragil ist. Das Publikum lacht, weil es weiß, auch sie sind nur einen Schritt von der Katastrophe entfernt. Und so setzt die Komödie auch Empathie frei: indem wir denken, Gott sei Dank, ist es dem passiert und nicht mir, denken wir implizit auch: Das hätte mir passieren können, sprich: wir sind alle gleich.
Ingrid Sturm: Und die Reaktion ist ein Lachen?
Gideon Maoz: Man lacht, weil jemand gefallen ist – und man selbst noch steht. Und die Spannung, die sich durch das Lachen entlädt, entsteht auch dadurch, dass man weiß: Der Gatsch, in den man fallen kann, ist geduldig und es ist leider genug für alle da. Komödie zeigt, dass wir alle lächerlich sind, sobald wir zu sicher auftreten. Die Bananenschale ist eigentlich nur ein Spiegel. Ein sehr glatter Spiegel. Insofern möchte natürlich niemand ein Experte für Komödie sein, denn wer möchte sich schon dazu bekennen, ständig zu scheitern? Man muss ja doch noch an die eigene Würde glauben.
Komödie und die Arbeit an der Figur
Ingrid Sturm: Was bedeutet das für die schauspielerische Arbeit?
Gideon Maoz: Der Schauspieler darf nicht lustig sein wollen. Wer witzig sein will, ist es schon nicht mehr. Es geht in der Komödie zuallererst um Ernsthaftigkeit. Die Figur will ihre Würde zurück. Sie kämpft gegen die Realität an, aber gegen die hat man keine Chance. Genau dieser Kampf ist Komödie. Man zeigt nicht, dass es lustig ist; man zeigt, wie sehr es nicht lustig sein soll. Die Figur will ernst bleiben und überleben. Und genau deshalb ist ihr Untergang komisch. Der Schauspieler spielt den Kampf, nicht den Witz. Das Komische entsteht aus der Niederlage. Witze machen wollen ist ein anderes Genre. Die Pointe entsteht aus dem Zusammenspiel aus Text, Spiel, Authentizität und Timing.
Ingrid Sturm: Das klingt nach einer ganz schön ernsten Angelegenheit.
Gideon Maoz: Es geht um existentielle Ängste. Es ist witzig, weil es brutal ist. Komödie entsteht genau da, wo das Selbstbild des Menschen implodiert. Zeit und Gravitation verraten die Figur. Die Wirklichkeit winkt und entzieht sich der Einflussnahme. Der Schauspieler muss das ernst spielen – nicht zelebrieren, sondern erdulden. Komödie ist sublimierter Horror. Das Ausrutschen auf der Bananenschale ist ein Mini-Abgrund: Kontrollverlust, Bloßstellung, das Ende der eigenen Fassade. Unsere primitive Angst vor Bedeutungslosigkeit verdichtet sich in einem Moment völliger Peinlichkeit. Und weil wir nicht gestorben sind, lachen wir.
Vom persönlichen Zugang zur Komik
Ingrid Sturm: Wie bist du selbst zu dieser Erkenntnis gekommen? War dieser Blick auf den Abgrund schon immer da?
Gideon Maoz: Ganz im Gegenteil. Mein Weg zur Komik war eigentlich ein Fluchtversuch vor meiner eigenen Unsicherheit. Als junger Mensch war ich ein Meister der Unsichtbarkeit. Ich hatte panische Angst vor der „Bananenschale“ des echten Lebens – davor, bloßgestellt zu werden oder nicht zu genügen. Ich dachte, wenn ich mich nur ernst genug nehme, merkt niemand, wie fragil ich bin.
Ingrid Sturm: Und dann kam das Theater?
Gideon Maoz: Genau. Das Theater war mein Exil vor der Angst. Ich habe dort etwas Paradoxes gelernt: Wenn ich als Gideon auf der Straße stolpere, ist es eine Demütigung. Aber wenn ich als Figur auf der Bühne kontrolliert und mit voller technischer Hingabe scheitere, ist es eine Befreiung. In dem Moment, in dem ich die Verantwortung an die Figur abgegeben habe, fand ich einen spielerischen Mut, den ich mir privat nie zugetraut hätte. Die Bühnensituation gab mir die Sicherheit, unsicher sein zu dürfen. Die Maske verlieh mir das Rückgrat, das ich brauchte, um es für den Sturz zu krümmen. Es war dieser Mut zum „lustvollen Scheitern“, der mich erst wirklich handlungsfähig gemacht hat, dann auch rückwirkend, mich selbst, als Gideon. Es ist eine Befreiung, lustig sein zu können.
Komödie in einem Satz
Ingrid Sturm: Wie würdest du Komödie in einem Satz definieren?
Gideon Maoz: Komödie ist der Moment, in dem jemand seine Würde verteidigen will – und Körper, Gravitation und Bananenschale kollektiv «Nein» sagen.
Ingrid Sturm: Danke, Gideon, für dieses Gespräch.
Lies mehr über Gideo Maoz in seiner Biografie.
Oder hol dir weitere Informationen zum Comedy Workshop „Lustig sein in vier Schritten“.
MEISTGELESEN
Ein Beitrag von Ingrid Sturm
Du möchtest immer immer up to date sein und Infos zu Veranstaltungen und Angeboten erhalten? Das geht leicht!
Einfach zum Newsletter anmelden und nichts mehr verpassen.








